Georg Albert                          Das Ich

* vor 1870

Was ist dein Ich, dein Selbst? Ein Volk, ein Vieles;

Ist tausendfachen Samens volle Frucht;

Ist Gruft und Wiege eines Weltgewühles,

Der Feen Spindel und der Schatten Bucht.

 

Das Schwert Achills und Helenens Geschmeide

Wiegt deine Hand und schmilzt die Erze um.

Es bebt dein Herz vom ganzen Weltenleide

Und haucht, ein Echo, seufzend sein Warum?

 

Die Brust des Alls Essenz, der Geist sein Spiegel,

Dein Leben Tat, dein Schicksal ihr Gericht,

Führst du der Urmacht tiefgeprägtes Siegel

Und trägst dich selbst als lastendes Gewicht:

 

Ein Pfand des Glücks, aus tiefer Nacht gehoben

Und ins Gespinst der Zeiten eng verwoben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Eins und alles

* vor 1870

Miß aus des Herzens weitestes Empfinden,

Das Höll’ und Himmel irdisch in sich faßt.

In allen Sphären wirst du Sippen finden

Und jede Tafel nennt dich Reisegast.

 

Du bist’s, der Tugend zum Olymp verklärte;

Die Liebe strömest du im Heiland aus;

Dein Innres ist’s, das dich den Abgrund lehrte,

Und menschlich dünkt dich seiner Fratzen Graus.

 

Ein Zusatz im Gebräue deines Blutes:

Du greifst zum Dolche, den Macbeth gezückt.

Der Welten Samenkorn, im Herzen ruht es

Und schwillt zu ernten, die die Hippe pflückt.

 

Den Mikrokosmos nennen’s Philosophen,

Den Fall die Büßer, Schwärmende ihr Hoffen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Der Brust Gewühl

* vor 1870

Es wogt ein Volk durch meinen lauten Busen,

Vor meines Geistes Augen schwebt’s vorbei.

Du tränkst, Geblüt, Heroen und Medusen,

Des Himmels und der Hölle Konterfei.

 

Ich seh’ den Stolz in goldnem Harnisch prangen;

Den Neid, die Gier mit gelbem Hohlgesicht;

Ich seh’ die Lieb’ den nackten Mut umfangen;

Die Wollust, die der Treue Pfänder bricht.

 

Wer wirft das Zepter in des Aufruhrs Menge?

Wer baut die Stufen in ein menschlich Gleich?

Wer schafft den Staat aus wirbelndem Gedränge,

Des Geistes Welt, des Herzens festes Reich?

 

Der die Versuchung nicht, die Schwäche tadelt

Und selbst die Schuld im Glanz der Sühne adelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Handle und wirb

* vor 1870

Der Seele Spiegel suche nicht zu fassen;

Er ruht im Griffe einer höhern Hand.

Willst schmachtend wie Narkissos du erblassen?

Bei Hamlet stehn im nächtigen Gewand?

 

Ein fragend Antlitz käme dir entgegen,

Das Echo deines Rufes auf dem Mund.

Die Antwort schafft dir nur ein frisches Regen;

Denn Tat ist Saat und macht den Pflüger kund.

 

Die Welt befrage und sie wird gestehen,

Wenn du beharrlich und geschmeidig wirbst.

Geduld und Kraft! ob wilde Stürme wehen,

Ob du im Bann der Schwüle matt verdirbst;

 

Der Hoffnung Pol ist über Finsternissen,

Und dein Kompaß: ein lauteres Gewissen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Zuruf

* vor 1870

Laß dir Besinnung nicht die Haare bleichen!

Ersticke nicht im Schoße den Entschluß!

Soll vor der Tat die Reue dich beschleichen,

Dich schrecken des Gewissens Drudenfuß?

 

Den Sterblichen ist Helle nicht beschieden;

In Wolken wandelt, wer da schafft und ringt.

Der Feigheit aber grinsen Eumeniden

Aus Nebeln, die des Sumpfes Fäulnis schlingt.

 

Wo Mut und Stärke glühend sich begatten,

Der Taten frohe Kette sich erzeugt:

Das ist die Brust, die Götter mild beschatten,

Wenn sie sich dankend ihrem Winke beugt.

 

Doch wo der Zweifel buhlt mit Nachtgespenstern,

Erwimmeln Larven wie an Kerkerfenstern.

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Geisterlaut

* vor 1870

Ein Geist erwachte tief in meinem Herzen

Und reckte riesenhaft sich hoch empor.

Geboren aus geheimnisvollen Schmerzen

Zerriß er jählings seiner Wolken Flor.

 

„Was säumst du, Schattenbild, am Blumenufer

Und tändelst mit der Welle rascher Zeit?

Verachtest du des Busens strengen Rufer,

Die Miene der verhüllten Ewigkeit?

 

Hab’ ich umsonst die Fackel dir geschwungen

Zur Zinne, die sich färbt im Purpurbad?

Des Traums Gespinst um deine Stirn geschlungen,

Behaucht mit Ahnung deines Morgens Pfad?

 

Verschmähst du, Tor, der hohen Gönner Trachten?

Weh dir! Bald soll dich kalter Tod umnachten.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          An die Götter

* vor 1870

Laßt mich mit Riesen ringen, Ungeheuern,

Begegne mir der Wildnis Drachensaat;

Es lechzt mein Mut nach Kampf und Abenteuern,

Des Löwen Bruder und Gemahl der Tat.

 

Doch glättet nichts des Meeres Buhlerwogen

Mit der Sirenen falschem Klippensang.

Trefft diese Brust mit eures Blitzes Bogen,

Eh’ sie der Täuschung Wirbelbucht verschlang.

 

Und weckt Gespenster nicht und Nachtgebilde

Im Innern mir, das erst genesen hieß.

Noch schwebt mein Geist ob jenem Qualgefilde

Und seiner Schemen modrigem Verließ.

 

Gebietet, Götter, meines Bluts Verschwendung,

Doch wahrt mein Haupt vor Zweifel und Verblendung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Der Feste                              

* vor 1870

Den Kämpfer ehrt die Welt, so weit sie dämmert;

Ihn ehrt Walhalla, wo der Äther blaut.

Heil ihm, der Schwert und Pflug aufs neue hämmert

Und auf beschirmter Scholle Saaten baut.

 

Der feste Sinn, das unverdross’ne Trachten,

Es zwingt das Schicksal selbst in seine Schuld;

Ihm gilt der unerlösten Zukunft Schmachten,

Ihm schmiegt sich an erfüllter Zeiten Huld.

 

Den Arm der Müh’, das Haupt geweiht dem Rechte,

Das Herz der Liebe, die nur Gute meint,

Ist er der Seltne schwankendem Geschlechte,

Der Schutzgeist, der die reinen Hände eint.

 

Ein Goldglanz schwebt auf seinem Erdentage

Und Liebesgötter ob dem Sarkophage.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Liebesstunden

* vor 1870

Das Glück des Mannes hängt an Frauenwimpern

Und seine Weisheit reift an ihrem Strahl.

Der zähle sich den Halben zu und Stümpern,

Der nicht gekostet ihrer Lippen Mahl.

 

Die Sonne blitzt gefälligen Planeten;

Was ist und lebt, es ward im Kuß erzeugt.

Was ist die Seligkeit, um die wir beten,

Als eine Huld, die sich dem Wunsche neigt?

 

Laß Träume uns, Geliebte, überschatten,

Befluten uns der Sinne Märchenwelt.

Laß sich die Schläfen und die Hände gatten

Und segnen uns des Himmels Wolkenzelt.

 

Was mißt der Liebe Stundenglas? Äonen,

Die schwebend auf dem Lid der Gottheit thronen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Mann und Weib

* vor 1870

Das Weib ist wasser und der Mann das Feuer

Und Lieb’ im Meeresschoße ein Vulkan.

Entfesselt sind des Chaos Ungeheuer

Und Dämpfe zischen brausend himmelan.

 

Doch schöner ist’s, wenn, unberührten Leibes,

Im Spiegel sich des Äthers Flamme malt;

Wenn keuschen Herzens das Gemüt des Weibes

Die Farbenkraft der Sehnsucht widerstrahlt;

 

Wenn leuchtend des Gedankens Meteore

Die Flut entzünden, die in Dämmrung bebt;

Des Liebesgottes Himmel mit dem Chore

Der Sterne fern ob ihrem Busen schwebt.

 

Ein Ball der wasser will mich Luna dünken,

Die mild gedämpft das Licht der Sonne trinken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Das Weib

* vor 1870

Schilt nicht das Weib! Die Schwäche lehrt es lügen,

Denn seine Wahrheit ist ein Opfertod.

Durch Dienste herrscht es, Meisterin im Fügen,

Verschleiert in der Wünsche Abendrot.

 

Das Schicksal schreitet über Frauenherzen

Und streut in ihr Gewell der Welten Keim.

Die Zukunft gaukelt über Minnescherzen

Und trinkt sich satt an ihrem Honigseim.

 

Weit ist der Liebe Reich, vom reinsten Lichte

Bis zu des Düsters raschevoller Glut.

Sein Herz umfaßt es, schrecklich im Gerichte,

Beseligend in treuer Liebeshut,

 

Wenn auf beblümter Au, wo Schatten fließen,

Sich Aphrodite und Maria grüßen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Abend und Morgen

* vor 1870

Der Abend ist ein schwermutblasser Schwärmer

Mit dunklen Augen, rabenschwarzem Haar.

Er flieht des Tages Spott und eitle Lärmer

Und träumt von einem süßen Lippenpaar.

 

Betränte Küsse, mondbeglänzte Eide,

Willkommenes Wagnis einer kühnen Hand:

Das ist das hohe Lied im Sternenkleide,

Das seiner weichen Laute Saiten spannt.

 

Der morgen naht, ein frecher blonder Spötter

Mit Purpurwangen, blauem Feuerblick.

Er beugt sich lachend über heiße Blätter

und schilt und übt erbarmungslos Kritik.

 

Ein Schalk, ein Tor! Doch auf des Himmels Rade

Bezeichnen Sterne ihres Wandels Pfade.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Verliebtes Schelten

* vor 1870

Du schlimmer Schalk in reifem Frauenleibe,

Stahlst du Armidens Gärten Zauberduft?

Unartigs Kind! du borgst den Reiz vom Weibe,

Dein Licht vom Engel, Lügen von der Luft.

 

Wer fänd’ an dir des Tadels wohl ein Ende?

Du Tändlerin, der alles nur ein Spiel,

Du Kind der Laune und der Wetterwende,

Der Sitte gram, ein wechselnder April.

 

Was magst du ohne Nöte doch zu nennen,

Und neigst dein Haupt in Andacht vor dem Schrein!

Die Grausamkeit fühl’ ich in mir entbrennen,

Dich quälen wäre Lust mir bis zur Pein.

 

Doch – nur ein Augenwink, von jenen süßen,

Und schmachtend sähst den Schmähler du zu Füßen.

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Triumph der Schönheit

* vor 1870

Von Schönheit trieft der Tempel deines Leibes,

Ein königlicher schlanker Wunderbau.

Das hohe Lied des wonnehehren Weibes

Trägst du, ein Himmelskind, zur Erdenschau.

 

Wärst kalt und reizlos du ein Kunstgebilde

Und Marmor deiner Glieder Harmonie,

Wir neigten uns geblendet deiner Milde

Und beugten deiner Gottheit unser Knie.

 

Du aber lebst und liebst und willst beglücken

Und deine Seele fühlt sich Spenderin.

Dich schuf natur zu schwindelndem Entzücken

Und du verleugnest nicht die Senderin.

 

Ein Paradies ist, wo du immer schreitest,

Und süß der Tod, wenn du die Arme breitest.

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Wie kam’s

* vor 1870

Du warst mein Weib! Die Göttin meines Herzens;

Der Liebeswünsche stammeln mein Gebet;

Dein Hals der Pfühl des wonnigen Verschmerzens,

Dein Strahlenblick der heilende Magnet.

 

Dein Selbst zu öffnen deinem Huldgenossen –

In dieser Hoffnung dünkt’ ich mir ein Gott.

Für eine Stunde, liebend aufgeschlossen,

Neigt’ ich mein Haupt mit Lächeln dem Schafott.

 

Wie kam’s, daß dieser Brand des Feuerkernes

Ins kalte Meer der Fremdheit sich entlud?

Daß uns verlosch das Funkeln dieses Sternes?

Daß uns der Arm des Alltags nahm in Hut?

 

Soll dein Gedächtnis ich verfluchen, segnen?

Für eins die Welt: nur einmal dir begegnen!