* vor 1870
Was ist dein Ich, dein Selbst?
Ein Volk, ein Vieles;
Ist tausendfachen Samens volle
Frucht;
Ist Gruft und Wiege eines
Weltgewühles,
Der Feen Spindel und der
Schatten Bucht.
Das Schwert Achills und
Helenens Geschmeide
Wiegt deine Hand und schmilzt
die Erze um.
Es bebt dein Herz vom ganzen
Weltenleide
Und haucht, ein Echo, seufzend
sein Warum?
Die Brust des Alls Essenz, der
Geist sein Spiegel,
Dein Leben Tat, dein Schicksal
ihr Gericht,
Führst du der Urmacht
tiefgeprägtes Siegel
Und trägst dich selbst als lastendes
Gewicht:
Ein Pfand des Glücks, aus
tiefer Nacht gehoben
Und ins Gespinst der Zeiten
eng verwoben.
* vor 1870
Miß aus des Herzens weitestes
Empfinden,
Das Höll’ und Himmel irdisch
in sich faßt.
In allen Sphären wirst du
Sippen finden
Und jede Tafel nennt dich
Reisegast.
Du bist’s, der Tugend zum
Olymp verklärte;
Die Liebe strömest du im
Heiland aus;
Dein Innres ist’s, das dich
den Abgrund lehrte,
Und menschlich dünkt dich
seiner Fratzen Graus.
Ein Zusatz im Gebräue deines
Blutes:
Du greifst zum Dolche, den
Macbeth gezückt.
Der Welten Samenkorn, im
Herzen ruht es
Und schwillt zu ernten, die
die Hippe pflückt.
Den Mikrokosmos nennen’s
Philosophen,
Den Fall die Büßer,
Schwärmende ihr Hoffen.
* vor 1870
Es wogt ein Volk durch meinen
lauten Busen,
Vor meines Geistes Augen
schwebt’s vorbei.
Du tränkst, Geblüt, Heroen und
Medusen,
Des Himmels und der Hölle
Konterfei.
Ich seh’ den Stolz in goldnem
Harnisch prangen;
Den Neid, die Gier mit gelbem
Hohlgesicht;
Ich seh’ die Lieb’ den nackten
Mut umfangen;
Die Wollust, die der Treue
Pfänder bricht.
Wer wirft das Zepter in des
Aufruhrs Menge?
Wer baut die Stufen in ein
menschlich Gleich?
Wer schafft den Staat aus wirbelndem
Gedränge,
Des Geistes Welt, des Herzens
festes Reich?
Der die Versuchung nicht, die
Schwäche tadelt
Und selbst die Schuld im Glanz
der Sühne adelt.
* vor 1870
Der Seele Spiegel suche nicht
zu fassen;
Er ruht im Griffe einer höhern
Hand.
Willst schmachtend wie
Narkissos du erblassen?
Bei Hamlet stehn im nächtigen
Gewand?
Ein fragend Antlitz käme dir
entgegen,
Das Echo deines Rufes auf dem
Mund.
Die Antwort schafft dir nur
ein frisches Regen;
Denn Tat ist Saat und macht
den Pflüger kund.
Die Welt befrage und sie wird
gestehen,
Wenn du beharrlich und
geschmeidig wirbst.
Geduld und Kraft! ob wilde
Stürme wehen,
Ob du im Bann der Schwüle matt
verdirbst;
Der Hoffnung Pol ist über
Finsternissen,
Und dein Kompaß: ein lauteres
Gewissen.
* vor 1870
Laß dir Besinnung nicht die
Haare bleichen!
Ersticke nicht im Schoße den
Entschluß!
Soll vor der Tat die Reue dich
beschleichen,
Dich schrecken des Gewissens
Drudenfuß?
Den Sterblichen ist Helle
nicht beschieden;
In Wolken wandelt, wer da
schafft und ringt.
Der Feigheit aber grinsen
Eumeniden
Aus Nebeln, die des Sumpfes
Fäulnis schlingt.
Wo Mut und Stärke glühend sich
begatten,
Der Taten frohe Kette sich
erzeugt:
Das ist die Brust, die Götter
mild beschatten,
Wenn sie sich dankend ihrem
Winke beugt.
Doch wo der Zweifel buhlt mit
Nachtgespenstern,
Erwimmeln Larven wie an
Kerkerfenstern.
* vor 1870
Ein Geist erwachte tief in
meinem Herzen
Und reckte riesenhaft sich
hoch empor.
Geboren aus geheimnisvollen
Schmerzen
Zerriß er jählings seiner
Wolken Flor.
„Was säumst du, Schattenbild,
am Blumenufer
Und tändelst mit der Welle
rascher Zeit?
Verachtest du des Busens
strengen Rufer,
Die Miene der verhüllten
Ewigkeit?
Hab’ ich umsonst die Fackel
dir geschwungen
Zur Zinne, die sich färbt im
Purpurbad?
Des Traums Gespinst um deine
Stirn geschlungen,
Behaucht mit Ahnung deines
Morgens Pfad?
Verschmähst du, Tor, der hohen
Gönner Trachten?
Weh dir! Bald soll dich kalter
Tod umnachten.“
* vor 1870
Laßt mich mit Riesen ringen,
Ungeheuern,
Begegne mir der Wildnis
Drachensaat;
Es lechzt mein Mut nach Kampf
und Abenteuern,
Des Löwen Bruder und Gemahl
der Tat.
Doch glättet nichts des Meeres
Buhlerwogen
Mit der Sirenen falschem
Klippensang.
Trefft diese Brust mit eures
Blitzes Bogen,
Eh’ sie der Täuschung
Wirbelbucht verschlang.
Und weckt Gespenster nicht und
Nachtgebilde
Im Innern mir, das erst genesen
hieß.
Noch schwebt mein Geist ob
jenem Qualgefilde
Und seiner Schemen modrigem
Verließ.
Gebietet, Götter, meines Bluts
Verschwendung,
Doch wahrt mein Haupt vor
Zweifel und Verblendung.
* vor 1870
Den Kämpfer ehrt die Welt, so
weit sie dämmert;
Ihn ehrt Walhalla, wo der
Äther blaut.
Heil ihm, der Schwert und
Pflug aufs neue hämmert
Und auf beschirmter Scholle
Saaten baut.
Der feste Sinn, das
unverdross’ne Trachten,
Es zwingt das Schicksal selbst
in seine Schuld;
Ihm gilt der unerlösten
Zukunft Schmachten,
Ihm schmiegt sich an erfüllter
Zeiten Huld.
Den Arm der Müh’, das Haupt
geweiht dem Rechte,
Das Herz der Liebe, die nur
Gute meint,
Ist er der Seltne schwankendem
Geschlechte,
Der Schutzgeist, der die reinen
Hände eint.
Ein Goldglanz schwebt auf
seinem Erdentage
Und Liebesgötter ob dem
Sarkophage.
* vor 1870
Das Glück des Mannes hängt an
Frauenwimpern
Und seine Weisheit reift an
ihrem Strahl.
Der zähle sich den Halben zu
und Stümpern,
Der nicht gekostet ihrer
Lippen Mahl.
Die Sonne blitzt gefälligen
Planeten;
Was ist und lebt, es ward im
Kuß erzeugt.
Was ist die Seligkeit, um die
wir beten,
Als eine Huld, die sich dem
Wunsche neigt?
Laß Träume uns, Geliebte, überschatten,
Befluten uns der Sinne
Märchenwelt.
Laß sich die Schläfen und die
Hände gatten
Und segnen uns des Himmels
Wolkenzelt.
Was mißt der Liebe
Stundenglas? Äonen,
Die schwebend auf dem Lid der
Gottheit thronen.
* vor 1870
Das Weib ist wasser und der
Mann das Feuer
Und Lieb’ im Meeresschoße ein
Vulkan.
Entfesselt sind des Chaos
Ungeheuer
Und Dämpfe zischen brausend
himmelan.
Doch schöner ist’s, wenn,
unberührten Leibes,
Im Spiegel sich des Äthers
Flamme malt;
Wenn keuschen Herzens das
Gemüt des Weibes
Die Farbenkraft der Sehnsucht
widerstrahlt;
Wenn leuchtend des Gedankens
Meteore
Die Flut entzünden, die in
Dämmrung bebt;
Des Liebesgottes Himmel mit
dem Chore
Der Sterne fern ob ihrem Busen
schwebt.
Ein Ball der wasser will mich
Luna dünken,
Die mild gedämpft das Licht
der Sonne trinken.
* vor 1870
Schilt nicht das Weib! Die
Schwäche lehrt es lügen,
Denn seine Wahrheit ist ein
Opfertod.
Durch Dienste herrscht es,
Meisterin im Fügen,
Verschleiert in der Wünsche
Abendrot.
Das Schicksal schreitet über
Frauenherzen
Und streut in ihr Gewell der
Welten Keim.
Die Zukunft gaukelt über
Minnescherzen
Und trinkt sich satt an ihrem
Honigseim.
Weit ist der Liebe Reich, vom reinsten
Lichte
Bis zu des Düsters
raschevoller Glut.
Sein Herz umfaßt es,
schrecklich im Gerichte,
Beseligend in treuer
Liebeshut,
Wenn auf beblümter Au, wo
Schatten fließen,
Sich Aphrodite und Maria
grüßen.
* vor 1870
Der Abend ist ein
schwermutblasser Schwärmer
Mit dunklen Augen,
rabenschwarzem Haar.
Er flieht des Tages Spott und
eitle Lärmer
Und träumt von einem süßen
Lippenpaar.
Betränte Küsse, mondbeglänzte
Eide,
Willkommenes Wagnis einer
kühnen Hand:
Das ist das hohe Lied im
Sternenkleide,
Das seiner weichen Laute
Saiten spannt.
Der morgen naht, ein frecher
blonder Spötter
Mit Purpurwangen, blauem
Feuerblick.
Er beugt sich lachend über
heiße Blätter
und schilt und übt
erbarmungslos Kritik.
Ein Schalk, ein Tor! Doch auf
des Himmels Rade
Bezeichnen Sterne ihres
Wandels Pfade.
* vor 1870
Du schlimmer Schalk in reifem
Frauenleibe,
Stahlst du Armidens Gärten
Zauberduft?
Unartigs Kind! du borgst den
Reiz vom Weibe,
Dein Licht vom Engel, Lügen
von der Luft.
Wer fänd’ an dir des Tadels
wohl ein Ende?
Du Tändlerin, der alles nur
ein Spiel,
Du Kind der Laune und der
Wetterwende,
Der Sitte gram, ein
wechselnder April.
Was magst du ohne Nöte doch zu
nennen,
Und neigst dein Haupt in
Andacht vor dem Schrein!
Die Grausamkeit fühl’ ich in
mir entbrennen,
Dich quälen wäre Lust mir bis
zur Pein.
Doch – nur ein Augenwink, von
jenen süßen,
Und schmachtend sähst den
Schmähler du zu Füßen.
* vor 1870
Von Schönheit trieft der
Tempel deines Leibes,
Ein königlicher schlanker
Wunderbau.
Das hohe Lied des wonnehehren
Weibes
Trägst du, ein Himmelskind,
zur Erdenschau.
Wärst kalt und reizlos du ein
Kunstgebilde
Und Marmor deiner Glieder
Harmonie,
Wir neigten uns geblendet
deiner Milde
Und beugten deiner Gottheit
unser Knie.
Du aber lebst und liebst und
willst beglücken
Und deine Seele fühlt sich
Spenderin.
Dich schuf natur zu
schwindelndem Entzücken
Und du verleugnest nicht die Senderin.
Ein Paradies ist, wo du immer
schreitest,
Und süß der Tod, wenn du die
Arme breitest.
* vor 1870
Du warst mein Weib! Die Göttin
meines Herzens;
Der Liebeswünsche stammeln
mein Gebet;
Dein Hals der Pfühl des
wonnigen Verschmerzens,
Dein Strahlenblick der
heilende Magnet.
Dein Selbst zu öffnen deinem
Huldgenossen –
In dieser Hoffnung dünkt’ ich
mir ein Gott.
Für eine Stunde, liebend
aufgeschlossen,
Neigt’ ich mein Haupt mit
Lächeln dem Schafott.
Wie kam’s, daß dieser Brand
des Feuerkernes
Ins kalte Meer der Fremdheit
sich entlud?
Daß uns verlosch das Funkeln
dieses Sternes?
Daß uns der Arm des Alltags
nahm in Hut?
Soll dein Gedächtnis ich
verfluchen, segnen?
Für eins die Welt: nur einmal
dir begegnen!